Das Geheimnis des Zündzeitpunkts

(und was es damit auf sich hat)

 

Der Zündzeitpunkt eines Motors ist ein immer wieder gern und heiß diskutiertes Thema, nicht nur im Forum der Solexfahrer/innen, sondern bei fast allen, die sich mit Hilfe eines Benzinmotors fortbewegen.

Deshalb hier mal ein kurzer Abriss zu diesem schönen Thema:.

 

Die Philosophie der Vorzündung

Aus der Schule oder der Fahrschule kennen wir den kleinen Trickfilm mit der Handlung: Ein Kolben bewegt sich nach unten und saugt Gas in einen Zylinder.Dann fährt er nach oben und verdichtet das Gas. Ist er ganz oben angekommen, funkt eine Zündkerze und das Gas färbt sich rot (d.h. es brennt) und der Kolben bewegt sich wieder nach unten. So weit, so einleuchtend.

 

Warum muss denn im wirklichen Leben die Zündung vor dem oberen Totpunkt erfolgen?

Wird der Kolben dann nicht eher in die  falsche Richtung nach unten gedrückt?

Gute Frage. Setzen.

Es liegt daran, dass das Gas seine Zeit braucht, um sich ganz zu entzünden. Der Schul-Trickfilm zeigt zwar die Motor-Umdrehung in Zeitlupe, nicht aber die Verbrennung.

 

Der Verbrennungsvorgang:

In Zeitlupe sieht er so aus: Der Zündfunke entzündet die Gaspartikel in seiner unmittelbaren Umgebung. Von da breitet sich die Feuerfront etwa halbkreisförmig nach außen aus: Immer mehr Gas beginnt zu brennen und der Druck steigt. Erst nach einer gewissen Zeit brennt das Gas im ganzen Verbrennungsraum.

   Durch die Vorvelegung des Zündzeitpunkts erhält das Feuer also etwas Zeit, sich weit genug auszubreiten, um ordentlich Druck auf den Kolben zu bringen - eben die Zeit zwischen "rupture" und OT.

   Die Solex  3800 ist auf 27 Winkelgrad Vorzündung eingestellt. Das Gas hat bei 1000 Umdrehungen/min also 4,5 Millisekunden Zeit, in Brand zu geraten und danach noch einmal etwa 10 Millisekunden, um völlig zu verbrennen und dabei seine Arbeit zu leisten (nämlich den Kolben nieder zu drücken), bis sich der Auslasskanal öffnet und der restliche Druck mit Getöse entweicht.

 

Wieviel Vorzündung?

.Darüber wird wohl so lange gefachsimpelt werden, wie noch Benzin aus Zapfsäulen fließt.

Hier noch ein bißchen Stoff für die Diskussion:

Es ist klar: Bei zu früher Zündung geht Energie verloren, weil der Kolben schon vor dem OT unter hohem Druck steht und die Kurbelwelle in die entgegengesetzte Richtung drückt. Außerdem wird das Material stark belastet. Bei zu später Zündung geht ebenfalls Energie verloren, weil der Kolben schon einen Teil des Arbeitswegs zurückgelegt hat, bevor er richtig Schub bekommt. Das Gas brennt womöglich noch , wenn der Auslass öffnet und frisches Gas einströmt. Folge: Der Auspuffkrümmer beginnt zu glühen. Die Verbrennung erfolgt nur zum  Teil da, wo sie gebraucht wird.

Motorenkonstrukteure führen deshalb Testreihen durch, um den optimalen Zündzeitpunkt für den jeweiligen Motor möglichst genau zu ermitteln.

 

Wie genau muss der Zündzeitpunkt stimmen?

Um es gleich zu sagen: Überhaupt nicht genau, sondern sehr ungefähr.

Wieso? Kommt da die saarländische Laissez-faire-Mentalität wieder durch? Nö.

Man bedenke nur: Wenn der Motor 2000 statt 1000 U/min macht, halbieren sich die oben genannten Zeiten; das Gas brennt deswegen aber nicht schneller. Verbrennungsmotoren haben daher immer einen beschränkten Drehzahlbereich, in dem sie volle Leistung bringen. Größere, oder auf höhere Leistung ausgelegte Motoren haben einen Fliehkraftregler, der den Zündzeitpunkt bei steigender Drehzahl automatisch weiter vor verlegt. (Ganz zu schweigen von den elektronischen Gizmos in Fahrzeugen der S-Klasse)

Die Solex verzichtet auf solchen Schnickschnack.

Sie kommt auch noch ohne Getriebe daher. Der Motor ist nämlich in der Lage, seine bescheidene Leistung in einem äußerst breiten Drehzahlspektrum zu erbringen. Der vom Werk eingestellte Zündzeitpunkt ist also sowieso nur ein ungefähres Optimum oder ein Vorschlag zur Güte.

  Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Geschwindigkeit der Verbrennung noch von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Benzintyp, eingestelltem Gemisch, Öl und Laune der Zündkerze abhängig ist, versteht man, warum hier Genauigkeit ein pures Phantom ist.

Also, Solex-Philosophen, Meßt mit der Meßuhr am Porsche den Zündzeitpunkt. Bei der Solex probiert einfach aus, wann sie am besten läuft. (Der Wert des Puddings zeigt sich beim Essen, wie die Briten sagen ). Wer viel bergauf fährt, kann die Zündung ruhig etwas später einstellen, wer in der Ebene gern Vollgummi gibt, stellt ihn halt etwas früher, so einfach ist das.

Noch ein Tipp zum Schluss: Macht den Zündzeitpunkt nicht gleich für alle möglichen Macken am Motor verantwortlich. Wenn die Zündung einigermaßen eingestellt ist und der Motor muckt, liegt die Ursache bestimmt woanders.

 

Immer guten Grip auf der Rolle wünscht:

Peter Deutschen (Onkel Peter)