V e l o S o l e X
das Fahrrad das von selbst fährt

 
 
 
Ob es die schwarze Farbe der Velosolex war, welche die Gunst vieler französischer Pfarrer eroberte?
Oder der freie Durchstieg beim Rahmen, welcher mit Soutane sicher sehr bequem war?

Vielleicht die leichte Handhabung? Theologiestudien bereiten kaum auf den Gebrauch komplizierter mechanischer Maschinen vor.
Was gibt es einfacheres als ein Solex?
Ein Hebel um den Motor auf das Vorderrad abzusetzen, ein kleiner Hebel zum starten bei Kälte, ein Dekompressor und zwei Bremsen,
das ist alles.

Keine Schaltung, kein Kupplungshebel, kein Benzinhahn.
Der leise Klang der Velosolex wäre ein weiteres Argument für einen Mann der Kirche, der das Gemurmel bei der Beichte eher gewohnt ist
als das Rattern eines Auspuffs.
Wahrscheinlich ausschlaggebend für die Wahl war aber der äußerst wirtschaftliche Charakter des Solex.


Von der "Société Goudard et Mennesson" zu "S 0 L E X"

Die Geschichte von Solex ist die zweier Freunde: Maurice Goudard und Marcel Mennesson. Ihr erstes gemeinsames Patent war ein zentrifugaler Kühler für Automobile, welchen Sie zusammen herstellten. Die Firma bestand nur aus ihnen Beiden. Mennesson war für das Handwerkliche zuständig während Goudard die Geschäftliche Seite übernahm. 1909 konnten Sie vierhundert Kühler für Omnibusse liefern. Die "Société Goudard et Mennesson" war auf dem Weg zum Erfolg.

Weil ihr alter Firmenname so lang war, das er kaum auf die Kühler paßte,starteten die beiden einen Wettbewerb im Familien und Freundeskreis, dieser ergab den Namen "S O L E X". Dieser Kühler war ein so großer Erfolg, so daß die Firma Solex expandierte. Man fertigte nun auch Vergaser.


Nach zwei Umzügen ließ sich die Firma Solex schließlich in Pont de Neuilly nieder.
Nach dem ersten Weltkrieg war Solex geschwächt. Während die Firmenleiter in der Armee dienten, liefen viele Kunden zum Konkurrenten "Zenith " über. Solex beteiligte sich in der Folge an einer Garage in Saint-Didier.

Mit so großem Erfolg daß man 1922 bereits wieder mit Hispano-Suiza verhandelte, welche sich aber für Zenith entschieden. André Citroen jedoch konnte durch ein Gegengeschäft an Solex gebunden werden.
1923-1938 eröffnete Solex Filialen in der ganzen Welt.

Nach diversen weiteren Erfindungen entwickelte Mennesson dann ein Fahrrad mit Motor.
Seine ersten Patente bezüglich motorisierten Zweirädern stammten schon von 1917.

1940 wurde dann der erste "richtige" Solex-Motor konstruiert, mit vielen Details wie sie auch später in Serie gebaut werden sollten.

1941: Der erste Prototyp

Ende 1941 wurde dieser 38 cm³ Motor, der noch nicht angehoben werden konnte und auch noch keine Abdeckung besaß, über dem Vorderrad eines "Alcyon" Herrenrads angebracht.

Der Scheinwerfer war links unter dem Motor befestigt, während rechts direkt unter dem Tank der Auspufftopf angebracht war, von welchem aus ein Rohr in einem Bogen zum Schutzblech hinunter führte. Das Vorderrad wurde mit Felgen, das Hinterrad mit Rücktrittbremse ausgestattet.





1946: Die erste Serie



Das erste Serien-VeloSoleX, welches ab April 1946 produziert wurde, hatte einen
Hubraum von 45 cm³ und leistete 0,4 PS bei 2000 Umdrehungen pro Minute.

Die größten Änderungen für den Serienbau waren kleinere Räder ( 650er ). Felgenbremse auch hinten und ein offener "damenfreundlicher" Rahmen, bei welchem ein Rohr vom Sattelträger in einem Bogen zum Lenkkopf führte. Die Gabel bestand nun aus ovalem Rohr. Der Tank faßte nur einen Liter, was jedoch für hundert Kilometer ausreichte.

Das Velosolex von 1946 wog 25 Kilogramm.

In einer neuen Fabrik in Chaobevoie wurden 15 Stück täglich montiert.

1947 begann die lange Liste der Modifikationen: Die hintere Radgabel wurde nicht mehr geschweißt sondern verschraubt.

1951: Erstmals mit dem
Motorhebel am Zylinder



1951 war das Jahr der praktischen Verbesserungen: Der Motorhebel wurde nun auf den Zylinderkopf geschraubt, bei Gebrauch als Fahrrad hielt ein Haken am Lenker den Motor.
Die Radgröße wurde durch 600er Räder erneut reduziert, wodurch die Solex 8 cm kürzer wurden.
Das Fehlen des Gasgriffs brachte die Benutzer zum "Alles oder nichts" Fahrstil. 28km/h waren möglich, abgebremst wurde mit Dekompressor und Felgenbremse.


1954 übernahm Solex präzise Modellbezeichnungen mit Zahlen, welche von der jeweils ersten gefertigten Motornummer eines Typs ausging.


1953: Typ 330




Vom Typ "330" wurden 1954 157814 Einheiten (über 50% mehr als 1953)
und 1955 nochmals 202588 Stück produziert.
Das Modell "330" unterschied sich vom Vorgänger durch das Auspuffrohr,
welches nun parallel zur Schutzblechstrebe verlief.

1956: Typ 660



1956 wurde der Typ "660" vorgestellt. Das runde Rahmenrohr endete vom Lenkkopf herkommend über den Pedalen unter einem kleinen Trittbrett
und der Sattelträger war nun aus einem Blechstück gekantet.
Die Lampe war in der Plastikabdeckung vorn unter dem Zylinder angebracht. Die Produktion des "660" schlug mit 228183 Exemplaren den Rekord des Vorjahres um nochmals 10 Prozent.


1957/58: Typ 1010/1400

Die technische Entwicklung ging rasch weiter, ein neuer Zylinder samt Kolben und ein neuer Auspuff in "S"-Form mit Topf am Schutzblech wurden verbaut. Dazu ein größerer ovaler Luftfilter und ein Gestänge aus Falzblech für das hintere Schutzblech kennzeichnen den Typ "1010" von 1957.
Wieder einmal kleinere Räder, nämlich 550er und dazu bessere Reifendecken gab es dann 1958 beim Typ "1400".

Fünf Fabriken fertigten zusammen 288309 Solex
1959: Typ 1700


Im Jahr 1959 übernahm Solex für die "1700"er die "Compound" genannte automatische Fliehkraftkupplung von Velo-Vap und baute sie zusammen mit einem Gebläse auf der linken Seite an. Die Kühlung war notwendig geworden, weil der Motor nun auch bei stehendem Fahrzeug laufen konnte.
Wegen der optischen Symmetrie wurde rechts der Benzintank auf 1,4 Liter vergrößert. Die "1700"er Solex wurden zum gleichen Preis wie vorher die "1400"er angeboten.
288194 Exemplare wurden 1960 montiert.

Fünf Fabriken produzierten nun jährlich 275000 Maschinen.



1961: Typ 2200

 

Um den neuen Vorschriften bezüglich Entstörung der Fahrzeuge zu genügen, schraubte Solex beim "2200"er Modell von 1961 die Kerze von senkrecht oben in den Zylinderkopf, abgedeckt durch den Luftfilter.
Dieser war nun Schwarz statt Metallfarben lackiert und trug den weißen Schriftzug "S 2200".

Doch die wichtigste Änderung war nicht sichtbar.
Die Leistung stieg von 0,5 PS um 40% auf 0,7 PS !

Auch die Produktion stieg ein weiteres Mal, nämlich auf 300070 Exemplare.

Entsprechend war die Nachfrage: 1962 wurden 311076 Solex gebaut,
1963 dann 340000 und im Rekordjahr 1964 380000 Stück.



Das waren
1500 VeloSoleX täglich !!


1964: Typ 3300



Einen völlig neuen Rahmen eckig und im Querschnitt fast quadratisch bekam der 1964 in Paris vorgestellte "S 3300".

Dieser neue Rahmen wurde bewußt zusammengeschraubt und nicht geschweißt, damit er in gewissen Grenzen ein klein wenig elastisch war.

Der Sattel war jetzt etwas breiter und nur noch mit einer Feder abgestützt, passend zur Rahmenform war der Scheinwerfer nun ebenfalls eckig und im Hinterrad arbeitete eine Trommelbremse.

Die Benzinpumpe war nun nicht mehr zerlegbar und die Bohrungen im Kurbelgehäuse wurden etwas geändert.

1965: Typ 3800


Im Mai 1965 begann die Epoche des "S 3800". Geändert wurde nur wenig am Motor, die Werbung versprach jedoch 50% mehr Leistung .
Die Velosolex waren nicht mehr von oben bis unten ausschließlich schwarz!
Ein erster schüchterner Farbtupfer war der rote Streifen um das Luftfiltergehäuse mit der weißen Aufschrift "S 3800". Der bisher aus Blech geformte Treibstofftank war beim "3800" einem Plastiktank gewichen.

Die "Luxe" gab es in blau oder rot, mit innen statt außen am Lenker angebrachten Bremshebeln, Weißwandreifen und Schutzblechen aus Inox-Stahl.

1967 wurden 287119, 1968 noch 286431 Stück produziert. Immerhin 100000 weniger als 1964'.


Aus 3800ern baute die Firma SIDES ab 1976 einen leichten "Dreirad Lieferwagen".




1968 Typ Micron




War das ein Kleinfahrrad ohne Pedalen, ein Mini-Scooter oder ein Ergänzungsfahrzeug für Wohnwagenbesitzer? Von der Zulassungsstelle wurde es als "Velomoteur" klassifiziert, was einige Folgen hatte: Helmpflicht, Führerschein, Hupe, Tacho etc.

Zum Anfahren mußte der Micron angeschoben werden, weil die Pedale fehlten.

Der Motor bei der Serienausführung ab 1968 stammte im wesentlichen vom 3800, der Motorhebel war aber rechts am Zylinderkopf angeschraubt
.
Die Masse des Rahmens jedoch wurden gegenüber dem 3800 extrem reduziert: Länge 1,1 m (3800: 1,6 m), Höhe 80 cm (95 cm) und dazu war die Lenkstange noch zusätzlich herunterklappbar. Die Räder hatten einen Durchmesser von nur gerade 22 cm.
 
Von 1968 bis 1974 wurden nicht einmal 4000 rote und blaue (mit grauen Plastikteilen) Micron gebaut.


1971: Typ 5000




1971 erschien der Typ "5000" mit kleineren 16 Zoll Weißwandreifen, Schutzblechen aus rostfreiem Stahl, höherem Lenker und daran angebautem Scheinwerfer. Der Gepäckträger wurde geändert und der Werkzeugkasten unter dem Sattel platziert.

Der Motorhebel auf dem Zylinderkopf wurde durch ein neues System abgelöst, welches rechts neben der Gabel betätigt wurde. Um den Motor mit der Antriebsrolle auf das Vorderrad zu senken, mußte nun der Hebel seitlich am Motor nach oben geschwenkt werden.

Dieses Hebelsystem sowie der am Lenker angebrachte Scheinwerfer wurden dann auch für die 3800er verwendet, auch ohne das sich die Typenbezeichnung dieses Modells seit 1965 je geändert hätte

Angeboten wurden die 5000er in weiß, orangerot, blau und gelb.
Tank und Lichtmaschinendeckel waren immer weiß, während die Motorabdeckung und der Werkzeugkasten jedoch in Rahmenfarbe gehalten war.


1974: Typ Plisolex



Ab 1974 wurde der 5000er auch in einer zusammenklappbaren Version produziert, als "Plisolex".
Der Motor konnte mit wenigen Handgriffen abgenommen werden. Laut Werbung dauerte dies gerade mal 20 Sekunden.
Der abklappbare Lenker mit Klemmverschluss war mit innen angeschraubten Bremsgriffen versehen, damit der Gasgriff abgezogen werden konnte. Gaskabel mit Griff blieben am Motor angeschlossen und konnten mit diesem zusammen verstaut werden.
Den Rahmen konnte man an einer Knickstelle vor dem Trittbrett zusammenklappen, den Sattel mit dem Träger nach vorn absenken.

Gebaut wurden die damals wie heute sehr seltenen "faltbaren" bis 1978.


Ebenfalls 1974 wurde der Prototyp des Modells "4600" vorgestellt.
Für den amerikanischen Markt bestimmt, war dies eine "Kreuzung" von 3800er Rahmen und 5000er Motor nebst speziellem Zubehör.


Dies war die letzte Version des VeloSoleX mit Vorderradantrieb!



1988: Typ 3800
letzte Serie


Nur der 3800 wurde bei Motobécane in Saint-Quentin noch gebaut. Doch nur gerade drei Viertel der Kapazitäten konnten ausgenutzt werden.
Die letzten 3800er hatten wieder den Scheinwerfer in der Motorabdeckung und den Ausrückhebel am Zylinder.

Die Bremshebel waren innen am Lenker angeschraubt und der Rahmen war serienmäßig mit seitlichen Reflektoren ausgerüstet.

1983 wurde die Fabrik von Pantin geschlossen, und im Oktober des gleichen Jahres übernahm der japanische Gigant Yamaha die Kontrolle über Motobécane, welche nun MBK hieß.

Die Verkaufszahlen waren inzwischen lächerlich geworden: 1980 wurden noch ganze 7077 und 1981 nur gerade noch 2787 Velosolex gebaut!

Die letzten hundert "schwarzen Fahrräder mit Motor" verließen das MBK-Werk mit der Aufschrift "NOSTALGIE".

24 davon wurden versteigert, zehn weitere als moderne Kunstwerke zu Skulpturen verarbeitet.


7. NOVEMBER 1988 Hier endet die große
Karriere des V E L O S O L E X

TABELLE ZUR BESTIMMUNG VON BAUJAHR UND MODELLBEZEICHNUNG ALLER
V E L O S O L E X MIT REIBROLLEN-ANTRIEB.

Bauzeit
Modell
Motornummern
Mai 46 - Juni 51
---
1000 -140095
Juni 51 - Okt. 53
---
140096 -325205
Okt. 53 - Sept 55
330
325206 -653388
Sept 55 - April 57
660
653389 -1016250
April 57 - Sept 58
1010
1016251 -1394500
Sept 58 - Okt. 59
1400
1394 501 - 1702028
Okt. 59 - Juni 61
1700
1702029 - 2202000
Juni 61 - Okt. 64
2200
2202001 - 3283293
Okt. 64 - Mai 65
3300
3283294- 3800000
Mai 65 - Nov. 88
3800/5000/
Plisolex/Micron
3800001- 5136183


 
 
 
 
 
 
 

Modell: 6000 und Flash

Motorleistung und Optik nicht mit der VeloSolex vergleichbar. Einige Details (z.B. der Lenker) wurden von der 3800er übernommen

Kardanantrieb und Scheibenbremse hinten

Reifengröße 16 Zoll, Farben u.a. weiß und blau

Herstelldauer 1968 bis 1972 (Typ Flash) bzw. 1973 bis 1974 (Typ 6000)

 
Die meisten Daten und Bilder dieser Seite stammen aus dem Buch "LE VELOSOLEX"
von B. Salvat(D. Pascall/J. Goyard), Edition Massin, Paris (Format ca. A4, 80 Seiten, französischer Text)
(I.S.B.N. 2-7072-0156-1)